KERB

 

Historisches zur Ormesummer Kerb

Eine der letzten wirklichen Hochburgen, in denen noch zünftig Kerb gefeiert wird, ist Ormesheim. Mit großer Begeisterung ist vor allem die Dorfjugend alljährlich dabei, wenn es gilt, die Kerweleit zusammenzustellen und für Stimmung zu sorgen. Schon seit einigen Jahrzehnten ist es üblich, daß der Schuljahrgang die Kerweleit bildet, der im Kerwejahr die Volljährigkeit erreicht. Viele ehemalige Ormesheimer lassen es sich nicht nehmen, zumindest einmal im Jahr, an der Kerb nämlich, wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren. Die Ursprünge und die jahrhundertealte Tradition der Kerb soll im folgenden etwas näher gebracht werden.

 

 

Ursprünglich ein Erntedankfest

Die Kerb war früher ein Erntedankfest, das nur einen Tag lang dauerte. Im November war die Ernte eingebracht und die Bauern feierten zusammen den Erfolg ihrer Arbeit. Später begann man in vielen Orten am Wochenende nach Allerheiligen die Kirchweihe zu feiern, bei der neben einem kirchlichen Fest auch eine weltliche Feier, die sogenannte "Martinikirmes" veranstaltet wurde. In Ormesheim wurde die damals neue Kirche am 18. September 1932 geweiht. Die weltliche Kerb wurde aber bis heute nach wie vor als Martinikirmes gefeiert.

 

 

Umfangreiche Vorbereitungen

Hausputz, Reinigung und Vorbereitungen aller Art fielen in die Woche vor dem Kerwesonntag. Die Hausfrau säuberte die Kuchenpfannen und buk mehrere Sorten Kuchen und Gebäck, die frischduftend in der großen Kammer standen. Nach und nach trafen die fahrenden Leute und Verwandte aus entfernten Orten ein.
Die jungen Burschen fanden sich samstags zusammen, um den Kerwestrauß, einen Fichtenbaum, den der Wirt oder der Förster gestellt hatte, zu schmücken. Dabei wurde der Kerwewein getrunken. Bis in die 50er Jahre waren noch keine Mädchen bei den Straußbuben dabei, aber die Freundinnen zogen meist mit von Haus zu Haus. Der Kerwestrauß wurde dann in einer Scheune bis zum Sonntag versteckt.

 

Sonntag mit Kerweeröffnung

Am Kerwesonntag versammelte sich die Jugend nach der Andacht auf dem Gemeindeplatze, um die Kerb auszugraben. Dabei wurde eine Flasche Schnaps ausgegraben, die im Vorjahr vergraben worden war. Oftmals dauerte es sehr lange, bis die alte Flasche wiedergefunden werden konnte. Umso größer war die Freude, wenn sie gefunden und ausgegraben worden war. Stehenden Fußes wurde ein Trunk getan. Ein Kreis wurde gebildet, die Straußbuben traten vor, nahmen ihre Liebste bei der Hand, "trillten" sie und tanzten dann den ehrenvollen "erschden Danz". Dann bliesen die Musikanten einen Tusch und die "Kerb" war eröffnet. Dem Pfarrer und dem Bürgermeister wurde anschließend ein Ständchen gebracht.
Nach der Nachmittagsandacht begann der Kirmestrubel und das Getöse in den Buden, Ständen und Bretterbauten der Komödianten, mit einem Karusell ("Drill") und mechanischen Orgeln welche die neuesten Schlager gröhlten. Jeder zwängte sich zwischen den Lotteriebuden, Schießständen, Lukas und Glücksrad hindurch während die Mordgeschichtensänger ihre Lieder sangen.

 

 

Auf zum Festsaal

Der "Kerweimbs" und der Kirmeskaffee machten der Hausfrau die größten Sorgen. Bier und Schnaps waren die Kirmesgetränke. Im Festsaal saßen nachmittags die Geiger und Bläser und spielten zum Tanze auf. Das junge Volk ging "uf die Musik" und schwang das Tanzbein bis in die späte Nacht hinein. Mittags war der Kerwestrauß, der mit bunten Bändern behangene Tannenbaum, von den jungen Burschen in den Tanzsaal hineingetragen worden mit dem Ruf: "Wem is die Kerb?" - "Unser" schrie das Jungvolk "Die Kerb soll lewe, hoch, hoch, hoch!"
Gegen Abend füllte sich der Saal und die Alten fanden sich ein, um das frohe Treiben der Jugend zu beobachten.

 

Kerweredd

Ein Straußbube, "Pfarrer" genannt, bestieg eine Leiter. Er fiel auf, durch seine eigenartige Kleidung, die aus einem hohen Zylinder und einem schwarzem Frack bestand. Unter dem linken Arm trug er die "Bibel", in der Rechten schwang er einen Holzstößel ("Schdampert"), der später zeitweise in Ormesheim durch einen überdimensionalen Bleistift ersetzt wurde. Aus seiner "Bibel" verlaß der Pfarrer das Textwort. Dann folgte eine derbe Predigt, die in plattdeutschen Knüppelversen abgefaßte "Kerweredd". Danach sicherte der "Pfarrer" die ehrenvollen drei ersten Tänze für die Straußbuben. Zum Schluß begoß er den Strauß mit Wein und ließ die Kerb hochleben.

 

 

Kerwedanz

Man tanzte den einfachen Walzer oder Rheinländer oder den stampfenden "Mazurka". Ältere Leute versuchten hie und da noch einen alten offenen Tanz, den letzten Rest alter Bauerntänze. Ein besonders beliebter Kerwetanz war in Ormesheim der Hammeltanz, bei dem man paarweise um den Baum tanzte. In den Pausen traten sangesfrohe Burschen auf, die lustige Lieder sangen oder Neckereien zum Besten gaben, die auf örtliche Verhältnisse anspielten. Raufereien waren nicht selten, rauflustige Burschen aus den Nachbarorten waren immer unwillkommene Zaungäste.

 

 

Kerwemontag

Im gleichen Stile wie der Kerwesonntag verlief der Montag, der vor allem von Auswärtigen als Besuchstag genutzt wurde. Meist waren am Kerwemontag auswärtige Geschäftsleute in Ormesheim zu Gast. Die Straußbuben liefen von Haus zu Haus und erhielten von den Bürgern Eier und Speck, später auch Geld. In der Nähe des Rummelplatzes begannen die Volksbelustigungen. Riesenhoch stand der Kletterbaum da, an dessen Spitze verlockende Preise baumelten. Das obere Ende des Baumes war mit Schmierseife bestrichen und es gehörte schon eine außerordentliche Kletterkunst dazu, den Gipfel zu erreichen. Die Junggesellen waren die Hüter des Kletterbaumes. An einem anderen Ende des Platzes wurde nach Wurst und Weck geschnappt, man machte Wettläufe in Säcken oder mit Schubkarren. Im Tanzlokal wurde auch der Kerwemontag zu Ende geführt.

 

 

Beerdigung und Trauerrede

Am Dienstagabend versammelten sich die Straußbuwe, um die Kerb zu begraben. Die Burschen gingen in getrennten Gruppen in verschiedene Häuser, um als letzte Gäste das Kerwegespräch zu halten. Sie wurden von den Hausleuten freundlich empfangen, in die Stube geführt und bewirtet. Während der Unterhaltung schlich einer der jungen Burschen in die Küche und stahl den Kerwe-braten. Hatte man einige Harmlose überlistet und geschädigt, zog die ganze Dorfmannschaft unter Führung der Musikanten durchs Dorf, um schließlich auf der Dorfwiese das Begräbnis vorzunehmen. Die Musik spielte auf, man sang und jubelte, aß und trank. Dann wurden die Knochen des Kirmesbratens und eine Flasche Schnaps vergraben.
Der "Pfarrer" hielt die Grabrede. Die Trauernden weinten, heulten und schluchzten und kehrten dann zum Wirtshaus zurück. Oft arteten derartige Begräbnisse aus, im allgemeinen konnte man gegen diese Form der alten Volkssitte jedoch nichts einwenden.

 

Die Kerb - eine jahrhundertealte Tradition

Mit kleinen Veränderungen sind die Kerwetraditionen bis heute erhalten geblieben. In jüngerer Zeit wurde sie jedoch leider durch viele Dinge angereichert, die für Ormesheim eigentlich untypisch sind oder nicht mehr in der Kerwetradition stehen. Vielleicht sollte hier bei unseren Kerwemäde un buwe wieder mehr auf die alte Tradition geachtet werden. Vielleicht gelingt es ja sogar, vergessene Bräuche, die in diesem Bericht erwähnt wurden, wieder aufzugreifen. Ansonsten gilt aber für die Kerb genau wie in der Vergangenheit: Hauptsache sie macht Spaß. Die Kerb soll läwe!


Text: Manfred Pfeiffer / Fotos: Heimatverein Ormesheim / Entnommen aus dem Kerweheft 1994

 

 

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